Die Pflegebranche steht vor immensen Herausforderungen. Bis 2050 wird die Zahl der Pflegebedürftigen auf rund 5 Millionen steigen, während der Fachkräftemangel weiter zunimmt. Pflegekräfte leiden unter hohen Betreuungsschlüsseln, zeitaufwendiger Dokumentationspflicht und mangelnder Anerkennung. Zudem fehlt es an finanzieller Unterstützung für die Digitalisierung, obwohl bereits zahlreiche technische Lösungen existieren.
Ein besonders drängendes Problem ist der Umgang mit demenzkranken Pflegebedürftigen. In stationären Einrichtungen betreuen 243.000 Pflegekräfte knapp 800.000 Menschen, von denen bis zu 60 % an Demenz erkrankt sind. Ihr Verhalten reicht von Apathie bis hin zu verbaler und körperlicher Aggression, was eine erhebliche psychische Belastung für Pflegekräfte darstellt. Gleichzeitig verstärkt dieser Stress die negativen Auswirkungen auf die demenzerkrankten Personen selbst, die Reaktion ist häufig die Verweigerung der Pflege. Und das ist keine Seltenheit: Herausfordernde Verhaltensweisen beeinträchtigen bei bis zu 50 % aller Menschen mit Demenz, die in Pflegeeinrichtungen leben, die tägliche Pflege.
In solchen Situationen können nahestehende Personen, wie Familienmitglieder, zu denen die demenzerkrankten Personen eine Bindung haben, Ruhe und Stabilität schaffen. Bewohner:innen, die häufig Besuche von Familienmitgliedern erhalten, sind weniger unruhig und weisen eine höhere Lebenszufriedenheit auf.
Die wachsende Herausforderung des „Long Distance Caregiving“
Aufgrund von Urbanisierung und globaler Mobilität leben jedoch immer mehr erwachsene Kinder weit entfernt von ihren pflegebedürftigen Eltern. Diese „Long Distance Caregivers“ empfinden häufig Ohnmacht, Wut und Trauer, da sie nicht in der Lage sind, ihre Liebsten so zu unterstützen, wie sie es gerne würden. Die Distanz führt dazu, dass in schwierigen Situationen der demenzerkrankten Angehörigen, die Familie nicht da sein und auch nicht direkt unterstützen kann.
Videobotschaften als innovative Lösung
Bereits 1995 untersuchten Wodd & Ashley in ihrer Studie „Simulierte Präsenz“ die Wirkung von Tonaufnahmen auf Menschen mit Demenz und stellten positive Effekte fest. Eine neuere Studie des Demenz Support Stuttgart, gefördert durch das Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg, hat dieses Konzept weiterentwickelt. Statt reiner Tonaufnahmen wurden Videobotschaften über die myo, die App für die Angehörigenkommunikation in der Pflege, übertragen. Diese Videos enthielten Grußbotschaften sowie Handlungsaufforderungen für pflegekritische Situationen wie die Körperpflege oder Medikamenteneinnahme. Teilnehmende Träger waren die Evangelische Heimstiftung GmbH, Michael-Hörauf-Stift, Bad Boll und Haus am See, Heilbronn-Böckingen.
Positive Effekte von Videobotschaften
Im Laufe der Studie sendeten Angehörige von Bewohner:innen mit Demenz zum einen Videobotschaften, die Erinnerungen weckten. So zum Beispiel ein Sohn, der seinem Vater ein Video vom Skifahren sendete. Der Vater war, bevor er an Demenz erkrankte, selber begeisterter Skifahrer. Beim Anschauen des Videos konnten die Pflegekräfte Freude wahrnehmen. Der demenzerkrankte Vater ahmte die Skifahrbewegungen nach. Zum anderen wurden aber auch Videos mit Handlungsanweisungen an Bewohner:innen gesendet und ihnen gezeigt. Diese sollen zum Beispiel bei Pflegeverweigerung positive Effekte zeigen. Eine Tochter sendete zum Beispiel ein Video, in dem sie ihre Demenzerkrankte Mutter zum Wassertrinken aufforderte. Gemeinsam trinken Sie dann ein Glas Wasser.
Die Studienergebnisse sind beeindruckend: 66 % der demenzkranken Personen sahen sich die Videos aufmerksam an, 68 % fühlten sich dabei wohl und 58 % zeigten Anzeichen von Freude. Pflegekräfte berichteten, dass Bewohner:innen nach dem Ansehen der Videos deutlich kooperativer waren.
„Bevor wir die Handlungsaufforderungen gezeigt haben, hatte ich immer mehr Respekt vor ihm, muss ich sagen, ein bisschen Angst sogar, weil er auch so groß ist und man war immer ein bisschen vorsichtiger – aber jetzt ist er sehr umgänglich.“, bestätigt eine Pflegekraft die Wirkung von Videobotschaften.
Die Studie zeigt: Angehörige können mit individuellen Videobotschaften aktiv zur Pflege beitragen und so den Kontakt zu ihren pflegebedürftigen Liebsten nicht nur aufrechterhalten, sondern zudem einen positiven Effekt auf ihre Angehörigen und somit auch auf die Arbeit der Pflege- und Betreuungskräfte ausüben.
Videotechnologie als Chance für die Zukunft
Die Vorteile von Videobotschaften sind nicht auf demenzkranke Menschen beschränkt. In einer Welt, in der täglich Millionen von Videos auf Plattformen wie TikTok und Instagram geteilt werden, bietet diese Technologie auch im Pflegebereich ein enormes Potenzial. Wissenschaftlich ist belegt, dass visuelle Inhalte im Gehirn 60.000 Mal schneller verarbeitet werden als Text und langfristiger gespeichert bleiben.
Dan Patterson, ein britischer Schriftsteller, bringt es auf den Punkt: „Der Mensch ist unglaublich visuell und kraftvoll, bewegte Bilder helfen uns, einen Sinn zu finden… [und] Video hilft, die Welt um uns herum zu erfassen und zu kontextualisieren.“
Die Nutzung von Videobotschaften in der Pflege bietet somit eine vielversprechende Lösung, um Pflegekräfte zu entlasten, Angehörige einzubinden und demenzkranken Menschen ein Stück Stabilität und Freude im Alltag zu schenken.