Mit seinem Leitsatz „Pflege stark machen“ setzt sich Branchenexperte Ulrich Zerhusen für eine neue Wertschätzung und Bewertung der Pflege ein. „Pflege sind keine Kosten – Pflege ist eine Investition.“ Der Multi-Pflegeunternehmer ist Inhaber verschiedener Pflegeeinrichtungen, die die gesamte Versorgungskette der Pflege abbilden. Als studierter Betriebswirt wechselte er 2011 aus der internationalen Automobilzuliefererindustrie in die Pflegebranche und verbindet seitdem ökonomische Kompetenz mit tiefem Verständnis für die Pflegewelt. Seine Mission: Den gesellschaftlichen und ökonomischen Wert der Pflege sichtbar machen. „Nur wenn wir den wahren Wert der Pflege selber quantifizieren, können wir Veränderungen schaffen.“
Herr Zerhusen, Sie sind vor 14 Jahren aus der Automobilbranche in die Pflege gewechselt. Wie kam es dazu?
Das war kein strategisch geplanter Schritt, sondern eine zutiefst persönliche Entscheidung. Ich war damals international in der Automobilzuliefererindustrie tätig, lebte gerade in den USA, als meine Mutter schwer erkrankte. Sie hatte schon 2001 einen Pflegedienst gegründet. Ihre Krebsdiagnose veränderte alles. Ich bin zurück nach Kroge-Ehrendorf in die niedersächsische Provinz gekommen – eigentlich nur, um zu helfen. Doch schnell wurde klar: Die Pflege lässt einen nicht mehr los, wenn man einmal mit dem Herzen dabei ist.
So wurde aus einem familiären Notfall meine Lebensaufgabe. Ich habe die Führung des Unternehmens übernommen und bin als Quereinsteiger in eine Branche eingetaucht, die ich zunächst mit betriebswirtschaftlichem Blick betrachtete – und dann schnell mit einer tiefen inneren Überzeugung. Ich habe erkannt, wie viel Wert in der Pflege steckt, wie viel Menschlichkeit, wie viel Kraft. Und gleichzeitig, wie wenig davon in unserer Gesellschaft wirklich gesehen wird.
Heute sage ich: Die Pflege hat mein Leben reicher gemacht – auf eine Weise, die mit Geld nicht zu messen ist. Und deshalb kämpfe ich jeden Tag dafür, dass sie den gesellschaftlichen Wert und die Rahmenbedingungen bekommt, die sie verdient.
Sie finden also die Pflege, so wie sie ist, muss gestärkt werden? Und was braucht es, um diese zu stärken?
Ja, absolut. Die Pflege, so wie sie tagtäglich gelebt wird – von Menschen, die mit Empathie, Kompetenz und Hingabe arbeiten – verdient deutlich mehr Anerkennung, Ressourcen und gesellschaftlichen Rückhalt. Was die Pflege leistet, ist unermesslich wertvoll. Doch dieser Wert wird bisher weder ausreichend gesehen noch strukturell abgebildet. Wir reduzieren Pflege auf Kosten – dabei ist sie in Wahrheit eine Investition.
Was es braucht, um die Pflege zu stärken, lässt sich in drei Punkten zusammenfassen:
Erstens: eine neue Art, den Wert der Pflege zu berechnen.
Wir müssen weg von der reinen Kostenlogik hin zu einem Modell, das den Social Return on Investment sichtbar macht – also den tatsächlichen gesellschaftlichen Rückfluss, den Pflege erzeugt: Lebensqualität, Gesundheitsförderung, Stabilität. Pflege ist kein Kostenfaktor – sie ist ein Wertschöpfungsfaktor.
Zweitens: Sichtbarkeit.
Der wahre Wert der Pflege wird oft im Verborgenen gelebt. Wir müssen ihn sichtbar machen – durch bessere Kommunikation, durch Geschichten, durch ein klares Bild nach außen. Pflege braucht ein anderes Image – eines, das Kompetenz, Menschlichkeit und Bedeutung zeigt. Was wir ausstrahlen, das ziehen wir an.
Drittens: ein neues Selbstverständnis.
Pflege darf sich nicht länger kleinmachen oder in der Bittstellerrolle verharren. Wir brauchen ein starkes, stolzes Auftreten – nach innen wie nach außen. Wer selbstbewusst auftritt, wird auch anders behandelt. Pflegekräfte müssen sich ihres Wertes bewusst sein – nur dann kann auch die Gesellschaft ihren Wert erkennen.
Neben Ihrer Aufgabe als geschäftsführender Gesellschafter haben Sie 2018 auch eine Marketingagentur gegründet – ausgerichtet auf die Pflegebranche. Heisst, Pflege braucht besseres Marketing und was läuft hinsichtlich der Außendarstellung der Pflegebranche falsch?
Ja – Pflege braucht dringend besseres Marketing. Aber vor allem braucht sie eine authentische, professionelle Kommunikation mit Haltung. Ich bin davon überzeugt: Wir lösen die Probleme in der Pflege nicht, wenn wir nur nach mehr Geld oder besseren Rahmenbedingungen rufen. Wir müssen zuerst an unserem Image arbeiten.
Denn in einer Welt, in der gilt: „Nur was sichtbar ist, kann Einfluss haben“, hat die Pflege ein Problem. Sie ist zwar „systemrelevant“ – aber kaum sichtbar. Sie ist hochkompetent – kommuniziert aber oft auf dem Niveau eines Abreißzettels am Schwarzen Brett. Ein Satz, der mich besonders getroffen hat, war: „Jeder Lippenstift hat besseres Marketing als die Pflege.“ Leider stimmt das.
Was falsch läuft? Wir kommunizieren nach außen oft platt, ironisch oder manchmal sogar abschätzend – statt würdevoll, stolz und menschlich. Wir posten in den sozialen Medien flache Sprüche und haben Stockfotos auf unseren Webseiten, statt die wahren, schönen Geschichten unserer Arbeit zu erzählen. Denn was wir ausstrahlen, das ziehen wir an. Wenn wir auf Social Media albern auftreten, dürfen wir uns nicht wundern, wenn uns niemand ernst nimmt.
Pflege verdient ein anderes Bild: Eines, das Stärke, Sinnhaftigkeit und Kompetenz zeigt. Die Branche hat so viele starke, emotionale Geschichten – wir müssen nur anfangen, sie zu erzählen. Pflege hat mehr zu bieten als jeder Lippenstift. Es wird Zeit, dass wir genau das zeigen.
“ In einer Welt, in der Sichtbarkeit mit Relevanz gleichgesetzt wird, bleibt der wahre Wert der Pflege unsichtbar und damit unterschätzt, unterbewertet und unterfinanziert.“
Aus Ihrer Sicht: Warum schafft es die Pflege nicht, ein besseres Image zu haben?
Weil wir uns das Bild, das andere von uns haben, viel zu lange von außen haben aufdrücken lassen – statt es selbst zu gestalten. Die Pflege hat ein massives Wahrnehmungsproblem. Sie ist stark, sinnhaft, systemrelevant – aber sie tritt nicht so auf.
Wir sind zu oft still, bescheiden, sogar defensiv – obwohl wir in den existenziellen Momenten des Lebens da sind: beim ersten Atemzug und beim letzten. Doch was sieht die Öffentlichkeit davon? Statt unsere Stärke und Menschlichkeit zu zeigen, kommunizieren wir als Branche oft klein, unprofessionell oder zynisch.
Dazu kommt: Pflege denkt noch viel zu selten strategisch über Kommunikation nach. Viele Einrichtungen machen Kommunikation „so nebenbei“, ohne klares Ziel, ohne Positionierung, ohne Bewusstsein für Wirkung. Dabei gilt: Was du kommunizierst, das strahlst du aus – und was du ausstrahlst, das ziehst du an. Wir können kein anderes Image erwarten, solange wir nicht selbst ein anderes Selbstbild leben. Das beginnt mit Stolz, mit Wertschätzung für die eigene Arbeit – und mit dem Mut, diese Haltung auch öffentlich zu zeigen. Wer nicht sichtbar ist, kann nicht wirken. Und wer sich nicht selbst zeigt, wird oft falsch gesehen.
Wäre Pflege mehr wert, wenn sie sichtbarer sein würde?
Unbedingt. In einer Welt, in der Sichtbarkeit mit Relevanz gleichgesetzt wird, bleibt der wahre Wert der Pflege unsichtbar – und damit unterschätzt, unterbewertet und unterfinanziert. Es gilt: „Nur wer sichtbar ist, kann Einfluss haben.“ Und genau daran scheitert die Pflege seit Jahren.
Pflege ist überall dort, wo es wirklich zählt – bei Geburt, Krankheit, Alter, Sterben. Und doch ist sie wenig präsent im öffentlichen Bewusstsein. Sie wird wahrgenommen als „Muss“, als Kostenstelle, als Mangelverwaltung – aber nicht als das, was sie wirklich ist: eine zentrale Kraftquelle für gesellschaftliches Leben, Stabilität und Menschlichkeit. Wert entsteht in unserer Gesellschaft über das, was sichtbar gemacht und kommuniziert wird. Solange Pflege selbst nicht zeigt, was sie leistet – mit Haltung, mit Stolz, mit professioneller Kommunikation – bleibt ihr gesellschaftlicher Stellenwert zu niedrig. Und das hat direkte Folgen: auf Gehälter, auf politische Entscheidungen, auf Refinanzierung.
Sichtbarkeit allein löst nicht alle Probleme. Aber sie ist der erste Dominostein. Wenn wir den umstoßen, beginnt Bewegung in einem System, das bisher zu oft vor allem Stillstand kennt.
Es gibt ja bereits viele Pflegeeinrichtungen, aber vor allem auch Pfleger:innen, die sehr positiv und authentisch über die Pflege und den Beruf sprechen. Glauben Sie, dass ein Umdenken stattfindet?
Ja, ich glaube, dass wir am Anfang eines kulturellen Wandels stehen. Es gibt immer mehr Pflegekräfte, Einrichtungen und Initiativen, die sich trauen, ihre Geschichten zu erzählen – ehrlich, nahbar, kraftvoll. Und das ist gut so. Denn echte Veränderung beginnt nicht in Verordnungen oder Gesetzen, sondern im Selbstbild. Was mich besonders freut: Dieses neue Selbstbewusstsein kommt aus der Mitte der Pflege. Pflegende beginnen, sich nicht mehr nur über Fachkräftemangel oder schlechte Rahmenbedingungen zu definieren – sondern über ihre Wirkung. Über das, was sie tagtäglich leisten. Sie stehen auf, treten auf Bühnen, sprechen auf Social Media, gründen Projekte, schreiben Bücher. Das war vor ein paar Jahren noch undenkbar.
Ich sehe viele kleine Lichter – und zusammen könnten sie ein Feuer entfachen. Aber damit aus Einzelstimmen eine Bewegung wird, braucht es mehr Sichtbarkeit, mehr Strategie und vor allem: mehr Rückenwind aus der Gesellschaft. Denn Pflege kann die Zukunft verändern – wenn wir ihr endlich den Raum, die Aufmerksamkeit und die Anerkennung geben, die sie verdient.
Sie sagen in mehreren Interviews “Gute Pflege muss zum Statussymbol werden“. Was meinen Sie genau damit und ändert es etwas am Image der Pflege?
Was ich damit meine: In unserer Gesellschaft genießen Dinge mit hohem Preis oder hoher Produktivität automatisch hohen Status – Autos, Technologie, Immobilien. Aber wer spricht mit gleichem Respekt über eine gute Pflegeeinrichtung? Oder über eine Pflegekraft, die mit Einfühlungsvermögen, Fachwissen und Haltung Menschen durch die schwierigsten Lebensphasen begleitet? Gute Pflege ist für mich ein Symbol für Menschlichkeit, Tiefe und Kompetenz. Ein funktionierendes Pflegesystem ist das Rückgrat und Fundament einer Gesellschaft. Warum also hat sie keinen entsprechenden Status? Warum zeigen wir stolz unser neues Auto, aber nicht den Menschen, der unsere Mutter würdevoll gepflegt hat? Warum zahlen wir wie selbstverständlich 70.000 Euro für ein Auto, Pflege jedoch darf nichts kosten?
Wenn gute Pflege zum Statussymbol wird, verändert das alles: die öffentliche Wahrnehmung, die politischen Entscheidungen, die Attraktivität des Berufs. Es ist ein Perspektivwechsel. Weg von der Vorstellung, Pflege sei nur „Mangel“ – hin zu der Erkenntnis: Gute Pflege ist ein Ausdruck von Wert, von Qualität, von gesellschaftlichem Fortschritt. Ja, das würde das Image der Pflege grundlegend verändern. Denn Image entsteht nicht nur durch Kommunikation – sondern auch durch Haltung. Und die beginnt bei der Frage: Was zählt wirklich?
Myo hat sich genau das zur Aufgabe gemacht: Durch transparente Angehörigenkommunikation den Pflegealltag bei Angehörigen sichtbar zu machen, Vertrauen zu stärken und Wertschätzung für die Mitarbeitenden in der Pflege zu fördern. Was genau ändert dies aus Ihrer Erfahrung?
Aus meiner Sicht verändert das eine ganze Menge – vor allem auf einer sehr menschlichen, oft unterschätzten Ebene. Denn Pflege findet zwar täglich statt, aber sie bleibt für Angehörige oft unsichtbar, vor allem für diejenigen, die nicht direkt vor Ort leben. Das schafft Unsicherheit, Misstrauen – und letztlich auch einen Mangel an Wertschätzung. Wenn Angehörige nicht wissen, was die Pflegekräfte leisten, wie sollen sie es würdigen?
Myo schafft Sichtbarkeit. Und damit auch Beziehung. Plötzlich wird aus einer abstrakten Einrichtung ein Ort, an dem echte Menschen echte Fürsorge leisten. Wenn Angehörige sehen, was tagtäglich mit Herz und Kompetenz geleistet wird – dann ändert das ihre Wahrnehmung. Es stärkt das Vertrauen in die Einrichtung und in das Team. Diese Form der transparenten Kommunikation ist für mich eine der effektivsten Möglichkeiten, um Wertschätzung zu fördern – und damit auch Motivation, Bindung und Stolz im Team zu stärken. Denn wenn Pflege gesehen wird, wird sie auch anders behandelt. Das ist ein kleiner Schritt mit großer Wirkung.
Wie schätzen Sie die Digitalisierung in der Pflege ein? Wichtig oder nichtig?
Wir dürfen Pflege nicht nur digitalisieren, um Prozesse zu kontrollieren oder Bürokratie zu vermehren. Wir müssen digitalisieren, um Menschen zu entlasten, Kommunikation zu verbessern und Zeit für das Wesentliche zurückzugewinnen: den Kontakt zum Menschen. Digitale Lösungen können Pflegekräfte unterstützen, Abläufe vereinfachen, Angehörige einbinden, Transparenz schaffen und Fachwissen zugänglich machen. Doch dafür müssen sie praxisnah gedacht, refinanzierbar umgesetzt und mit echtem Nutzen gestaltet werden.
Digitalisierung wird dann wertvoll, wenn sie nicht entmenschlicht, sondern Menschlichkeit ermöglicht. Wenn sie hilft, statt zu belasten. Und wenn sie der Pflege endlich den Rücken stärkt. Hier sehe ich ein riesiges Potential.
Wenn Sie Betreiber:innen von Pflegeeinrichtungen, aber auch Mitarbeitenden in der Pflege eine kostenlose Beratung als Marketing-Experte geben würden – was würden Sie Ihnen beratend sagen?
Ich würde sagen: Hört auf, euch klein zu machen. Zeigt, wer ihr seid – und was ihr wirklich leistet. Pflege ist stark, sinnstiftend und unersetzlich. Aber solange ihr das nicht selbst ausstrahlt, wird es niemand für euch tun.
Meine wichtigste Empfehlung: Kommuniziert von innen nach außen. Erzählt nicht, was ihr glaubt, dass andere hören wollen – sondern das, was euch ausmacht. Eure Geschichten, eure Haltung, eure Werte. Authentisch, emotional, mutig. Pflege hat so viel zu bieten. Doch wenn wir weiter still bleiben, prägen andere das Bild für uns – Medien, Politik, Öffentlichkeit. Das bedeutet: Wer nicht kommuniziert, wird falsch wahrgenommen. Oder gar nicht.
Deshalb: Erzählt von dem, was Pflege wirklich ist. Zeigt die Gesichter, die echten schönen Geschichten. Kommuniziert nicht nur Stellenausschreibungen – kommuniziert Sinn. Nicht nur Was – sondern Warum. Und vor allem: Traut euch. Denn wer seinen eigenen Wert kennt, kann ihn auch sichtbar machen. Und wer sichtbar ist, wird anders behandelt.
Zeigen wir der Welt die Schönheit der Pflege!
Vielen Dank Herr Zerhusen für ihre Zeit!